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Wie kommt jemand auf so eine Frage? Wenn, dann brauchen wir doch mehr und nicht weniger von solcher Software: Software, die unsere Betriebe so abbildet, dass wir Vorgänge automatisieren oder gar an KI-Agenten abladen können.
Nein, ich werde nicht vorschlagen, zu Papier und Stift zurückzukehren oder jedes System durch einen Chatbot zu ersetzen. Vielmehr will ich infrage stellen, wie wir Software wie CRMs, ERPs, HR-Management-Systeme, usw. betrachten und einkaufen. Um diese Frage zu verstehen, müssen wir in den Februar 2026 zurückreisen.
Wenn wir uns heutzutage die Geschäftsmodelle der großen Produktivitätssoftwareprogramme anschauen, finden wir in den meisten Fällen ein nutzungsbasiertes Modell vor. Die eigentliche Software steht als SaaS-Applikation im Internet bereit. Kunden der Plattform zahlen z. B. für die Anzahl der Nutzer einen festen Betrag, der sich am gewählten Plan und optionalen Bausteinen bemisst.
Im Februar 2026 stellten die Börsen rund um die Welt genau dieses Geschäftsmodell infrage. Quer durch alle Branchen fielen die Kurse verschiedenster SaaS-Anbieter, die auf diese Art $550 Milliarden an Aktienwerten vernichteten.
Warum? Anthropic veröffentlichte Anfang des Monats ein neues, spezialisiertes KI-Werkzeug, das Standardaufgaben im juristischen Bereich automatisieren sollte. Dies war nicht das erste und auch nicht das letzte Tool, das einen solchen Anspruch stellt. Offensichtlich war es aber der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Dabei ging es nicht um die Frage, ob Anthropics Tool wirklich seinen Ansprüchen gerecht werden konnten, sondern vielmehr um die Frage, wie das aktuelle Abo-Modell der SaaS-Softwareanbieter in Anbetracht der Konkurrenz durch diese neue Art von Software bestehen kann.
Dabei standen zwei Fragen im Vordergrund. Erstens: Wie wollen Firmen zukünftig ihre Abrechnungsmodelle gestalten, wenn es keine menschlichen Nutzer mehr gibt, die eine Plattform nutzen? Wenn theoretisch ein einziger “User” in Form eines KI-Agenten reicht, um ein ganzes Unternehmen zu betreiben, ist das bestehende Geschäftsmodell nicht mehr tragfähig.
Die zweite Frage, und damit die Frage, um die es in diesem Artikel gehen soll, betraf einen ganz anderen Aspekt der Branche:
Anthropic behauptete, für die Entwicklung von Cowork (auf dem der Jura-Assistent aufsetzt) nur zehn Tage gebraucht zu haben. Für den Jura-Assistenten gibt es zwar keine offiziellen Daten, da Cowork aber erst Richtung Ende Januar 2026 offiziell veröffentlicht wurde, kann die Entwicklungszeit nicht viel länger gewesen sein. Hier schwingt die Frage mit: Wenn man so etwas in so kurzer Zeit bauen kann, was ist dann sonst noch möglich? Und was bedeutet das für die bestehenden Anbieter von Standard-Software? Oder wie das Fachmagazin Golem titelte:
Vibe Coding als Wachstumskiller?Im Hintergrund schwelt eine größere Frage: Die wachsende Fähigkeit von KI-Modellen, funktionalen Code zu schreiben – auch als Vibe Coding bekannt – lässt Investoren befürchten, dass Unternehmen künftig eigene Softwarelösungen bauen, anstatt etablierte Produkte zu kaufen.
“Eigene Softwarelösungen bauen, anstatt etablierte Produkte zu kaufen” - Warum sollte man so etwas überhaupt wollen? Die Gründe dafür sind vielfältig, aber allen voran: Die laufenden Kosten. Die von der Anzahl der Nutzer im Unternehmen abhängigen Abo-Kosten würden ersetzt durch eine, getrieben vom Fortschritt der AI-gestützten Softwareentwicklung, deutlich geringere initiale Investition und um Größenordnungen niedrigere laufende Kosten.
Doch es geht nicht nur ums Geld. Eigene Lösungen geben Unternehmen Unabhängigkeit - und dies in vielerlei Hinsicht. Zum einen ermöglichen sie Unabhängigkeit von einem speziellen Plattformanbieter und seinen Geschäftsentscheidungen. Dabei kann es sich um unerwartete Preisänderungen handeln, oder auch um Änderungen in der Oberfläche und Funktion der genutzten Software.
Ich glaube, es gibt keinen Softwarenutzer, der in den letzten Jahren nicht einmal eine oft genutzte Plattform geöffnet hat und sich fragen musste: “Warum sieht das hier auf einmal alles anders aus?”. Was für die Einzelperson ärgerlich sein kann, kann für ein Unternehmen messbaren Produktivitätsverlust bedeuten (und damit unerwartete Kosten), bis alle Nutzer sich in eine neue Oberfläche eingefunden haben. Mit einer Eigenentwicklung gibt es solche Überraschungen nicht – Änderungen finden nur statt, wenn sie wirklich veranlasst wurden.
Ein weiterer Unabhängigkeitsaspekt ist erst in den letzten Jahren immer mehr in den Vordergrund getreten: Die Unabhängigkeit von politischen Verwerfungen. Stand heute ist es nun einmal so, dass die meisten großen SaaS-Anbieter nicht aus der EU kommen, sondern in den USA ansässig sind. Wer seine eigene Lösung betreibt, kann selber bestimmen, wo auf der Welt sie beheimatet sein soll, während sehr gute Lösungen sogar schnell von einem Hosting-Anbieter zum nächsten wechseln können.
Kann man als kleines bis mittleres Unternehmen heute schon seine eigene Software bauen, um die eigenen Geschäftsprozesse abzubilden, oder ist das (noch) ein Luftschloss? Die Antwort auf diese Frage hängt sehr davon ab, wen Sie fragen, und wird sich in den kommenden Monaten und Jahren wahrscheinlich nochmal verschieben. Fragen Sie den Betreiber einer Vibe-Coding-Plattform wie “loveable”, wird die Antwort mit Sicherheit ein enthusiastisches “Ja” sein, während Betreiber bestehender SaaS-Plattformen mutmaßlich anders antworten werden.
Als Software-Ingenieur mit über zehn Jahren Erfahrung im Bereich der Sonderentwicklung im Auftrag von Kunden, der jeden Tag mit agentischen Codingassistenten arbeitet, möchte ich eine differenzierte Antwort geben. Auch hier gilt der Hinweis: Diese Einschätzung arbeitet mit dem heutigen Stand der Technik in der Mitte von 2026. Zukünftige Entwicklungen können meine Antwort ändern – wenn wir von der Vergangenheit auf die Zukunft schließen, wahrscheinlich eher zum Vorteil der Eigenentwicklung.
Um zu verstehen, ob eine Eigenentwicklung von Business-Software auch heute schon möglich ist, ergibt es Sinn, das Problem in kleinere Teile zu zerschlagen. Wichtig anzumerken ist, dass nicht jede SaaS-Plattform so funktioniert wie im Folgenden dargestellt. Eine IoT-Plattform funktioniert anders, ebenso ein soziales Netzwerk. Im Kontext von Business-Software wie ERPs, CRMs usw. finden sich die folgenden Bestandteile aber immer wieder:
Im Folgenden werden wir uns diese Bauteile genauer anschauen und prüfen, wo AI in der Entwicklung wirklich einen Vorteil bringt.
Die Basis jeder SaaS-Software ist am Ende die Menge der Computer, auf denen sie läuft. Hier kann KI uns erst mal nicht helfen – die Hardware muss vorhanden sein. Das Gute ist: Trotzdem gibt es eine Menge unterschiedlichster Anbieter im DACH- und EU-Bereich, die sog. “On-Demand-Hosting” anbieten. Hierbei können Computer unterschiedlichster Ausstattung innerhalb von Sekunden bereitgestellt und meist minutengenau abgerechnet werden. Beispielhafte Anbieter aus dem deutschsprachigen Raum sind STACKIT, Ionos und Hetzner.
Jedes nicht triviale Computerprogramm muss irgendwann Daten speichern. Um auf solche Daten von mehreren Orten gleichzeitig und effizient zugreifen zu können, gibt es verschiedenste Datenbanksysteme. Aufgrund der enormen Komplexität solcher Systeme haben die wenigsten SaaS-Plattform-Anbieter eine eigene Datenhaltung entwickelt. Zumeist wird auf (häufig quelloffene) Standardsoftware zurückgegriffen. Das Gute ist: Das können wir auch so machen und uns für unsere eigene Plattform aus einer ganzen Reihe von möglichen Lösungen bedienen. Als Beispiele für weitverbreitete, quelloffene Datenbanken sind PostgreSQL, MySQL und MongoDB zu nennen.
Für einen Moment möchte ich einen Baustein aus meinem eigenen Diagramm überspringen und direkt zu dem zentralen Punkt der Prozessabbildung kommen. Hier steckt das drin, was die meisten SaaS-Anbieter verkaufen, das, was die Value-Proposition eines Produktes ist: Die Abbildung eines Prozesses.
Es gibt zwei Arten, wie eine SaaS-Plattform im Businessbereich funktionieren kann. Entweder bietet sie einen sehr klar definierten Prozess an, der nicht zu editieren ist, wie es z. B. bei einer HR-Software der Fall sein kann, oder sie stellt einen Baukasten bereit, mittels dessen man die vorgegebenen Strukturen anpassen kann. CRMs und ERPs wie Salesforce und SAP gehen diesen Weg: Neben einer Reihe von vorgefertigten Strukturen können Anwender eigene Applikationen per Baustein oder Plugin entwickeln und hochladen. Manchmal muss man diese Erweiterungen programmieren, manchmal lediglich per grafischer Oberfläche zusammenklicken.
Aus meiner Erfahrung aus vielen Kundenprojekten heraus kann ich sagen, dass die vorgefertigten Prozesse selten wirklich gut auf den Ablauf in einem Unternehmen passen. Zumeist sind mindestens einige Anpassungen erforderlich, wenn nicht sogar ganz “auf der grünen Wiese” begonnen wird. Teilweise können die vorgefertigten Strukturen sogar abträglich sein, wenn versucht wird, diese auf eine Art anzupassen, die mehr Probleme verursacht, als sie löst.
Wenn ein Unternehmen nicht zufällig genau mit den vorgefertigten Prozessen der verwendeten SaaS-Lösung zufrieden war, wurde an dieser Stelle also schon immer eine Art eigene Software entwickelt – nur mit dem Unterschied, dass diese Software untrennbar mit der verwendeten SaaS-Software verbunden war. Verkauft wurde dies zumeist als “Integrationskosten”.
Kann uns KI an dieser Stelle heute schon helfen, wenn wir unsere Prozesse in Eigenregie abbilden wollen? Meine Antwort darauf ist: teilweise. Die zentrale Herausforderung dieses Bausteins ist es nach wie vor, zunächst den abzubildenden Prozess zu definieren, mit all seinen Sonder- und Fehlerfällen. Danach kann KI bei der Erstellung des notwendigen Programmcodes helfen.
Gibt es denn irgendeine Stelle, an der KI den Entwicklungsprozess unserer eigenen Plattform so richtig beschleunigen kann? Oder bleibt die Eigenlösung weiterhin ein Luftschloss?
Fassen wir zunächst unseren Zwischenstand zusammen: Das Hosting unserer Plattform können wir günstig bei einer Reihe von Anbietern einkaufen. Als Datenbank verwenden wir eine quelloffene, freie Standardlösung. Die Abbildung von Prozessen ist nach wie vor die Stelle, an der Arbeit anfällt. Was bleibt also? Der Stoff in der Mitte, der all diese Dinge miteinander verbindet: Schnittstellen, Nutzeroberflächen und Datenbankoperationen (oder CRUD-Operationen, wie man sie im Fach nennt).
Historisch gesehen sind genau das die Bereiche, die für meine Kunden und auch für mich die frustrierendsten Teile der Softwareentwicklung waren. Nachdem man gemeinsam unter großem Arbeitsaufwand definiert hat, was denn nun eigentlich gebaut werden soll, und alle Beteiligten Lust auf die Lösung haben, verbrachten Entwickler Wochen damit, irgendwelche Oberflächen zu bauen, APIs anzubinden oder Datenbankabfragen zu schreiben, um Daten in der korrekten Art und Weise bereitzustellen.
Genau an dieser Stelle können KI-Coding-Agents den Prozess massiv beschleunigen. Davon könnte ich natürlich viel erzählen, aber stattdessen möchte ich den Prozess lieber bebildert darstellen.
Der gesamte Prompt kann hier als Video angesehen werden.Genau in diesem Bereich, der nun deutlich schneller zu erschließen ist, liegt aber das Kapital der etablierten SaaS-Plattformen. Vorgefertigte Eingabemasken, Formulare, Listenansichten usw., die früher in stundenlanger Arbeit implementiert werden mussten, stehen jetzt innerhalb weniger Minuten bereit.
Ergibt also die Eigenentwicklung eines CRM, ERP oder anderer Business-Software heute schon für jeden Sinn? Nein. Nur falls Ihr Unternehmen sehr standardisierte Prozessabläufe nutzt und mit den vorgegebenen Prozessen eine bestehende Lösung ohne große Integrationskosten nutzen kann.
Für alle anderen gilt es, die Vorabkosten mit der Kostenersparnis und den Vorteilen bezüglich der Flexibilität einer Eigenlösung ins Verhältnis zu setzen. Als Faustformel nenne ich hier: Sobald Sie im Jahr ein Entwicklergehalt (in DE in 2026: 60t€-80t€) für eine SaaS-Lösung ausgeben, lohnt es sich, sich die Idee Eigenlösung genauer anzuschauen.
Aber muss man immer von 0 starten, wenn man mit einer Eigenentwicklung starten will? Nein, nicht unbedingt.
Falls bereits ein SaaS-System im Einsatz ist, kann eine Eigenlösung im ersten Wurf nur einen Teil der bestehenden Applikation ersetzen, um so z.B. Zusatzgebühren für ein teureres Paket der verwendeten Software zu sparen. Die Anbindung an die bestehenden Applikationen erfolgt über sog. APIs, die in den meisten Cloudplattformen vorhanden sind.
Interessanter ist für die meisten Projekte allerdings die Möglichkeit, auf einer bestehenden, quelloffenen Lösung aufzusetzen. Genauso wie es freie und quelloffene Datenbanksysteme gibt, gibt es auch freie und quelloffene ERPs, CRMs, Shopsysteme usw. Diese können selber betrieben und beliebig erweitert werden, während gleichzeitig die volle Kontrolle über den Quellcode vorliegt. Das kann ein sinnvoller Weg zwischen der ultimativen Freiheit einer Eigenentwicklung auf der grünen Wiese und den Limitationen einer Closed-Source-Plattform sein.
In diesem Bereich gibt es drei Lösungen, die ich besonders hervorheben möchte:
NocoBase als quelloffenes CRM: NocoBase geht einen anderen Weg als viele andere Werkzeuge aus dem CRM-Bereich. Anstatt Prozesse und Oberflächen vorzugeben, startet man bei einer neuen Installation auf einer leeren Seite. Jedes Objekt, jede Seite, jede Eingabemaske muss selber mithilfe eines Baukastens definiert werden. Um diesen Prozess zu beschleunigen, setzt Noco auf eine gute KI-Anbindung, die es ermöglicht, die gesamte Einrichtung des CRMs mittels eines Chatbots zu erledigen. Komplexe Probleme, die nicht mit den Bordmitteln gelöst werden können, können als Plugins abgebildet werden. Dazu kommt eine sehr freundliche Lizenz, die die kommerzielle Nutzung auch ohne Kauf ermöglicht, sowie ein faires Kaufmodell, falls man sich für eine Lizenz mit erweiterter Funktionalität entscheidet.
Das Open-Source-ERP ERPNext geht einen anderen Weg. Hier wird bereits eine ganze Latte von Funktionen und Oberflächen vordefiniert, die nicht in dem Maße durch den Nutzer angepasst werden können, wie es bei NocoBase der Fall ist. Allerdings steht auch hier ein Plugin-System zur Verfügung, durch das eigene Erweiterungen entwickelt werden können, ohne den Quellcode der Applikation selbst zu bearbeiten. Besonders hervorzuheben ist die Möglichkeit, den Betrieb der Anwendung direkt von der Firma hinter dem ERP übernehmen zu lassen, während man sich trotzdem noch den Hostinganbieter aussuchen kann, bei dem die eigenen Daten liegen sollen.
Schlussendlich muss ich als ehemaliger Mitarbeiter des Unternehmens hinter der Lösung natürlich noch das E-Commerce-Framework Shopware erwähnen. Wie die beiden zuvor genannten Lösungen ist Shopware mit seiner MIT-Lizenz grundsätzlich quelloffene und freie Software, setzt aber mittlerweile eine sog. Fair-Use-Policy ein, durch die kostenlose Nutzung nur bis zu einer gewissen Umsatzschwelle möglich ist.
Fassen wir zusammen: In den nächsten Jahren wird es eng für die Betreiber verschiedenster SaaS-Plattformen im B2B-Bereich – seien es jetzt CRMs, ERPs oder andere prozessabbildende Systeme. Der Fortschritt von KI-gestützter Softwareentwicklung macht komplette Eigenentwicklungen auf der grünen Wiese immer realistischer. Wer nicht ganz von vorne beginnen will oder muss, kann eine der abgehangenen Open-Source-Lösungen als Grundlage wählen und die notwendigen Änderungen als Erweiterungen implementieren lassen. Eine Investition in die Entwicklung und Migration ist zwar weiterhin notwendig, lässt sich aber häufig schon innerhalb von einem Jahr oder weniger amortisieren, wenn dafür auf teurere, pro Nutzer abgerechnete Lösungen verzichtet werden kann.
Zum Abschluss noch ein Hinweis: Wenn Sie diesen Artikel bis zum Ende gelesen haben, lohnt es sich für Sie mit Sicherheit, ein unverbindliches Gespräch über Ihre Softwarelandschaft mit mir zu vereinbaren. Schauen Sie doch einfach mal auf meiner Kontakt-Seite vorbei ;)